Dreamcast

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Im Jahre 1998, als ich 14 Jahre alt war, gab es in meiner Heimatstadt noch drei konkurrierende Videospielfachgeschäfte und wir hatten keinen Media Markt. Die nächste Filiale war eine halbe Autobahnstunde entfernt und natürlich war ich darauf angewiesen, dass mich jemand hinfährt. Aber wozu eigentlich? Nennenswerte Geldbeträge standen mir höchstens mal nach Weihnachten oder meinem Geburtstag zur Verfügung. Bis auf einmal. Da hatte ich über lange Zeit für etwas gespart, von dem ich anfangs noch nicht mal den Veröffentlichungstermin kannte. Segas Dreamcast.

Im Jahre 2014 gibt es kein Videospielfachgeschäft mehr, dafür aber einen Media Markt und Überlegungen für einen Saturn – und im Internet kann man inzwischen auch ordentlich einkaufen, habe ich gehört.

Von den drei Gameshops im Ort hatte ich natürlich einen ultimativen Lieblingsladen. Der Konkurrenzkampf vor Ort wurde erbittert ausgetragen. Oftmals ließen wir Kiddies uns einspannen um bei der Konkurrenz Preise oder die Menge der Verleihversionen für Neuerscheinungen zu erspitzeln oder liefen mit halbtransparenten Plastiktüten des Ladens unseres Vertrauens, in denen Neuerscheinungen recht gut sichtbar waren, durch die Verkaufsräume der Mitbewerber, wo es diese Spiele noch nicht gab.

Man pflegte ein freundschaftliches Verhältnis zum Ladeninhaber und seinem Team, traf sich und zockte im Laden die neuesten Games und Importe, fachsimpelte in diesem „Nerdwana“ mit Bekannten und Kunden und NATÜRLICH waren alle Jungs in meinem Alter verknallt in die unerreichbare Mittzwanziger-Blondine, die hinterm Tresen den Spieleverleih managte. Da der Laden tatsächlich auch Verbindungen zum ortsansässigen „Erwachsenenfilm“-Produzenten hatte, ist eine Euch eventuell gerade auffallende Parallele zu dem Film „Bang Boom Bang“ durchaus verständlich.

Obwohl ich mich schon lange mit Videospielen auseinandergesetzt hatte, konnte mich bisher keine Konsole von Anfang so in den Bann ziehen, wie Dreamcast. Und das obwohl ich im Shop durch das wahrscheinlich hässlichste Videospielmagazin-Cover auf sie aufmerksam wurde, das man vielleicht bis heute gesehen hat.

Von diesem Tag an verfolgte ich die gesamte Entwicklung der Konsole, las begeistert Previews zu Spielen, beeumelte mich über Bilder von Designstudien und Prototypen und war festentschlossen das erste Mal in meinem Leben eine Sega-Konsole zu kaufen. Segas Saturn-Flop war mir vollkommen egal, denn den hatte ich zu diesem Zeitpunkt nicht besessen und spätestens beim ersten Artikel über ein ambitioniertes Projekt namens „Shenmue“ kam ich dann an Dreamcast sowieso nicht mehr vorbei.

Als endlich die Vorbestellungen für den PAL-Release entgegen genommen wurden, verfügte der Laden natürlich bereits über Import-Konsolen. Unbezahlbar für mich, denn wenn ich mich recht erinnere kostete zumindest Anfang 1999 eine nackte Import-Dreamcast 1000 Mark und mehr. Doch bis zum 9. September 1999 hatte ich ja Zeit zumindest ausreichend Geld für ein PAL-Gerät zusammen zu raffen. Eiserne Sparsamkeit, Zeitung austragen und ein taktisch ideal gelegener Geburtstag ermöglichten es mir für Dreamcast zu sparen und dennoch meine Sozialkontakte zu pflegen. Und als Sega dann relativ kurzfristig den Europa-Release auf den 14. Oktober verschob, wurde mir sogar noch etwas Aufschub gewährt. Auf der anderen Seite ganz schön fies, denn ein prall gefülltes Sparbuch schreit, auch wenn man ein festes Ziel vor Augen hat, ständig „Plündere mich!“, wenn man 15 Jahre alt ist.

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Donnerstag, den 14. Oktober 1999, wachte ich morgens in München auf. Rückreisetag unserer Klassenfahrt. Am Bahnhof in München ergatterte ich eine Ausgabe der Zeitschrift „Dreamcast Kult“, die ab sofort zweimonatlich erscheinen sollte und später sogar das vom Future Verlag eingestellte deutsche „Offizielle Dreamcast-Magazin“ ablöste – und dann auch monatlich erschien. Da kam einem die Zugfahrt gleich gar nicht mehr so lang vor, vor allem weil das bloße in der Hand halten des Magazins natürlich zu Gesprächen mit den Videospielinteressierten unter den Klassenkameraden führte.

Spätestens nach Weihnachten 1999 war Dreamcast in meinem Freundes- und Bekanntenkreis die am meisten verbreitete Konsole. Aber der war irgendwie sowieso noch nie repräsentativ für den deutschen Markt. Im Bus sitzen und „Dreamcast Kult“ lesen, führte in der „repräsentativen Welt“ dann doch eher zu Dialogen wie „Guck mal, der hat nen scheiss Dreamcast.“ – „Und? Is voll scheiße! PlayStation, alter! Dreckscast! Guck dir die Schwuchtel doch an!“. Deutschland, peinlich, Einheitsbrei.

Egal, seit besagtem Donnerstag abend wusste ich es eh besser, denn Dreamcast stand in meinem Zimmer. Ich hatte meine Eltern beauftragt mir die vorbestellte Konsole im Laufe des Tages abzuholen, denn ich hatte aufgrund der Ankunftszeit mit der Bahn keine Gelegenheit dazu. Dann der Schock! Statt des immer angekündigten RGB-Kabels lag eine miese Antennenweiche in der Packung. Pfui, Sega. Sendersuchlauf. Kein Stereosound über die Anlage. First World Problems, aber was für welche! Das überteuerte Scart-Kabel kaufte ich später nach. Chapeau, Sega of Europe!

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Alles was nun kam, war in meinen Augen ein reiner Selbstgänger. Die breite Masse wurde mit Dreamcast nicht warm, für mich waren es allerdings die prägendsten Videospieljahre meines Lebens. Aber nicht nur im Videospielbereich an sich, wird mir Dreamcast immer in guter Erinnerung bleiben. Wir hatten bis dato kein Internet zu Hause, meine ersten Onlinegehversuche verdanke ich Dreamcast und der minutengenauen Abrechnung von Viag Interkom. Auch meine erste eigene E-Mail-Adresse hatte ich auf Dreamcast. Unter dexterslabor@de.dreamcast.com erreicht man heute allerdings niemanden mehr. Das erste Onlineduell in einem Videospiel hatte ich mit „Chuchu Rocket“, welches es für alle in der DreamArena registrierten Dreamcast-Nutzer umsonst gab, gegen einen Franzosen und die meisten Videospielstunden meines Lebens verbrachte ich in dieser Zeit mit Soulcalibur, Crazy Taxi und später Shenmue.

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Ich denke die Underdog-Zeit von Dreamcast mit Leib und Seele zu erleben und dazuzugehören, hat fortan auch mein Gamer-Dasein an sich verändert. Hatte ich Sega vorher mit Super Nintendo und PlayStation immer gekonnt umschifft, war ich nun mittendrin, kaufte mir später Saturn, Mega Drive & Co nach und erlebte all die Softwareperlen, die ich vorher verpasst hatte zum ersten Mal. Wie eine gute Band, die man viel zu spät entdeckt und sich erst viel später die früheren Alben kauft. Durch diese wertvolle Erfahrung ist es für mich eigentlich völlig ausgeschlossen Fanboy einer anderen Konsole zu werden, schon gar nicht der PlayStation. Ich bin natürlich nicht so wahnsinnig, Sony eine aktive Schuld am Niedergang von Dreamcast zu geben, dafür hat Sega schon selbst genug – oder zu wenig, je nach Sichtweise – getan, aber es ist für mich heute genauso ausgeschlossen, wie Apple-Jünger zu sein, eine bestimmte Automarke abzufeiern oder Fan des FC Bayern zu werden 😉

Mein Fanboytum war nur einmal auf dem Markt – und das hat sich Dreamcast gekrallt. Up to 3 billion heartbeats.


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